Thay im Schwerpunktthema

Das verwundete Kind in uns
Die heilende Kraft der Achtsamkeit


Thich Nhât Hanh
 

In jedem und jeder von uns ist ein kleines, leidendes Kind. Als Kinder haben wir fast alle schwierige Zeiten erlebt, und viele von uns haben Traumata erfahren. Wir versuchen oft, diese schmerzvollen Zeiten zu vergessen, weil wir uns vor k├╝nftigem Leid bewahren oder sch├╝tzen wollen. Jedes Mal, wenn wir mit der Erfahrung dieses Leides in Ber├╝hrung kommen, glauben wir, es nicht ertragen zu k├Ânnen, und wir verfrachten unsere Gef├╝hle und Erinnerungen tief in unser Unbewusstes. Vielleicht haben wir es jahrzehntelang nicht gewagt, diesem Kind gegen├╝berzutreten.
Doch nur, weil wir dieses Kind ignoriert haben, bedeutet das nicht, dass es nicht da w├Ąre. Das verwundete Kind ist immer da und sucht unsere Aufmerksamkeit. Das Kind sagt: ÔÇ×Ich bin hier. Ich bin hier. Du kannst mir nicht aus dem Weg gehen. Du kannst nicht vor mir davonlaufen."
Wir wollen unserm Leiden dadurch ein Ende machen, dass wir das Kind ganz weit weg in unser Inneres schicken und uns selbst so weit entfernt wie m├Âglich halten. Doch unser Leiden h├Ârt nicht dadurch auf, dass wir vor ihm davonlaufen, es verl├Ąngert sich nur.
Das verwundete Kind bittet um F├╝rsorge und Liebe, doch wir tun das Gegenteil. Wir laufen weg, weil wir Angst vor dem Leiden haben. Unser Schmerz und Kummer erscheinen uns schier ├╝berw├Ąltigend. Selbst wenn wir die Zeit dazu haben, kehren wir nicht zu uns nach Hause zur├╝ck. Wir sorgen daf├╝r, dass wir st├Ąndig unterhalten werden - schauen Fernsehen oder Kinofilme, treffen uns mit anderen oder greifen zu Alkohol und anderen Drogen -, weil wir nicht wieder und wieder dieses Leiden erfahren wollen.
Das verwundete Kind ist da, und wir wissen es noch nicht einmal. Das verwundete Kind in uns ist Wirklichkeit, doch wir sehen es nicht. Diese Unf├Ąhigkeit zu sehen ist eine Art Ignoranz. Dieses Kind ist ernstlich verwundet worden. Es braucht unsere Zuwendung. Stattdessen wenden wir uns ab.
Ignoranz oder Unwissenheit ist in jeder Zelle unseres K├Ârpers und unseres Bewusstseins - wie ein Tropfen Tinte, der sich in einem Glas Wasser verteilt hat. Die Ignoranz verhindert, dass wir die Wirklichkeit sehen, sie treibt uns dazu, t├Ârichte Dinge zu tun, die unser Leiden verst├Ąrken, und dies f├╝gt dem verwundeten Kind in uns weitere Wunden zu.
Auch das verwundete Kind ist in jeder Zelle unseres K├Ârpers. Es gibt keine Zelle unseres K├Ârpers, in dem es das verwundete Kind nicht g├Ąbe. Wir m├╝ssen gar nicht weit in die Vergangenheit zur├╝ckschauen, um dieses Kind zu finden. Wir m├╝ssen einzig tief genug schauen, und wir k├Ânnen mit ihm in Ber├╝hrung sein. Das Leiden dieses verwundeten Kindes ist in uns genau jetzt im gegenw├Ąrtigen Moment.
Doch so, wie das Leiden in jeder Zelle unseres K├Ârpers pr├Ąsent ist, so sind es auch die Samen erwachten Verstehens und die Samen des Gl├╝cks, die uns von unseren Vorfahren weitergegeben wurden. Wir m├╝ssen sie nur nutzen. In uns ist eine Lampe, eine Lampe der Achtsamkeit, die wir jederzeit entz├╝nden k├Ânnen. Das ├ľl der Lampe sind unser Atem, unsere Schritte und unser friedvolles L├Ącheln. Wir m├╝ssen die Lampe der Achtsamkeit entz├╝nden, damit das Licht die Dunkelheit erhellen kann. Unsere Praxis besteht genau darin.
Wird uns bewusst, dass wir das verwundete Kind in uns vergessen haben, erw├Ąchst in uns gro├čes Mitgef├╝hl, und wir beginnen, die Energie der Achtsamkeit zu erzeugen. Die ├ťbungen des achtsamen Gehens, achtsamen Sitzens und achtsamen Atmens sind Grundlage daf├╝r. Mit unserem achtsamen Atem und den achtsamen Schritten k├Ânnen wir die Energie der Achtsamkeit schaffen und zu der erwachten Weisheit in jeder Zelle unseres K├Ârpers zur├╝ckkehren. Diese Energie wird uns umfangen und heilen, und sie ist es, die das verwundete Kind ins uns heilt.
 

Zuh├Âren

Wenn wir davon sprechen, mitf├╝hlend zuzuh├Âren, denken wir ├╝blicherweise daran, dass wir jemand anderem zuh├Âren. Doch wir m├╝ssen auch dem verwundeten Kind in uns zuh├Âren. Manchmal braucht es all unsere Aufmerksamkeit. Dieses kleine Kind taucht vielleicht aus der Tiefe Ihres Bewusstseins auf und bittet um Ihre Aufmerksamkeit. Sind Sie achtsam, werden Sie seine Hilferufe h├Âren k├Ânnen. In solchen Momenten sollten Sie das verwundete Kind z├Ąrtlich umarmen, statt weiter dem, was sie gerade besch├Ąftigt, Aufmerksamkeit zu schenken. In einer Sprache der Liebe k├Ânnen Sie ganz direkt mit dem Kind sprechen und ihm sagen: ÔÇ×In der Vergangenheit habe ich dich allein gelassen, habe mich von dir abgewendet. Das tut mir sehr leid. Ich m├Âchte dich umarmen."
Sie k├Ânnen auch sagen: ÔÇ×Liebes, ich bin f├╝r dich da. Ich werde mich gut um dich k├╝mmern. Ich wei├č, wie sehr du leidest. Stets war ich so besch├Ąftigt. Ich habe dich vernachl├Ąssigt, doch nun habe ich einen Weg gefunden, zu dir zur├╝ckzukehren."
Vielleicht m├╝ssen Sie gemeinsam mit diesem Kind weinen. Sie k├Ânnen auch, wann immer Sie es brauchen, mit ihm zusammensitzen und atmen:

Einatmend wende ich mich meinem
verwundeten Kind zu.
Ausatmend k├╝mmere ich mich gut
um mein verwundetes Kind.

Mehrmals am Tag sollten Sie zu Ihrem Kind sprechen. Nur dann ist Heilung m├Âglich. Indem Sie es z├Ąrtlich im Arm halten, versichern Sie ihm, dass Sie es niemals mehr allein lassen werden. Das kleine Kind ist so lange Zeit allein gelassen worden. Darum m├╝ssen Sie mit der ├ťbung sofort beginnen. Wenn Sie es jetzt nicht tun, wann dann?
Mit etwas ├ťbung k├Ânnen wir erkennen, dass nicht nur wir das verwundete Kind sind. Es repr├Ąsentiert m├Âglicherweise viele Generationen. Unsere Mutter hat vielleicht ihr ganzes Leben lang Kummer gehabt. Unser Vater mag gelitten haben. Unter Umst├Ąnden waren unsere Eltern nicht in der Lage, sich um das verwundete Kind in sich selbst zu k├╝mmern. Wenn wir also das verwundete Kind in uns umarmen, umarmen wir gleichzeitig all die verwundeten Kinder vergangener Generationen. Diese Praxis ist nicht nur f├╝r uns, sondern f├╝r zahllose vorangegangene und zuk├╝nftige Generationen.
Unsere Vorfahren haben vielleicht gar nicht gewusst, wie sie sich um ihr inneres verwundetes Kind k├╝mmern k├Ânnten, so dass sie es an uns weitergegeben haben. Unsere ├ťbung besteht darin, diesen Kreislauf zu durchbrechen und zu beenden. K├Ânnen wir unser verwundetes Kind heilen, befreien wir nicht nur uns selbst, sondern wir helfen damit, auch den zu befreien, der uns verletzt oder missbraucht hat. Dieser
Mensch war vielleicht selbst ein Missbrauchsopfer. Es gibt Menschen, die lange Zeit mit ihrem inneren Kind praktiziert haben und die ihr Leiden haben lindern und Transformation erfahren k├Ânnen. Ihre Beziehungen zu Familie und zu Freundinnen und Freunden sind sehr viel m├╝heloser geworden.
Wir leiden, weil wir noch nicht mit Verstehen und Mitgef├╝hl in Ber├╝hrung gekommen sind. Wenn wir die Energie der Achtsamkeit, des Verstehens und Mitgef├╝hls f├╝r unser verwundetes Kind erzeugen k├Ânnen, werden wir weniger leiden. Durch Achtsamkeit werden Mitgef├╝hl und Verstehen m├Âglich, und wir sind in der Lage, anderen Menschen zu erlauben, uns zu lieben. Vorher haben wir m├Âglicherweise allen und allem misstraut. Mitgef├╝hl hilft uns, die Beziehungen und die Kommunikation zu anderen wiederherzustellen.
Die Menschen in unserem Umfeld, unsere Familie, Freundinnen und Freunde, haben vielleicht auch ein schwerverwundetes Kind in sich. Wenn wir es geschafft haben, uns selbst zu helfen, k├Ânnen wir auch ihnen helfen. Haben wir uns selbst heilen k├Ânnen, werden unsere Beziehungen zu anderen sehr viel angenehmer. In uns sind mehr Frieden und Liebe.

Die Energie der Achtsamkeit

Die Energie der Achtsamkeit ist die Salbe, die das innere Kind heilen wird. Doch wie entwickeln und kultivieren wir diese Energie? In der buddhistischen Psychologie unterscheidet man zwei Teile des Bewusstseins. Der eine Teil ist das Geistbewusstsein und der andere das Speicherbewusstsein. Geistbewusstsein ist unsere aktive Bewusstheit oder unser aktives Gewahrsein. In der westlichen Psychologie nennt man es einfach ÔÇ×Bewusstsein`. Um die Energie der Achtsamkeit zu entwickeln, versuchen wir, unser aktives Gewahrsein in s├Ąmtliche unserer Aktivit├Ąten einzubeziehen und wahrhaft pr├Ąsent bei all unserem Tun zu sein. Wir wollen achtsam sein, wenn wir unseren Tee trinken oder durch die Stadt fahren. Gehen wir, wollen wir des Gehens gewahr sein. Atmen wir, wollen wir des Atmens gewahr sein.
Das Speicherbewusstsein, auch Wurzelbewusstsein genannt, ist die Basis, die Grundlage unseres Bewusstseins. In der westlichen Psychologie wird es ÔÇ×das Unterbewusstsein` genannt. Darin sind all unsere vergangenen Erfahrungen gespeichert. Das Speicherbewusstsein ist in der Lage zu lernen und Informationen zu verarbeiten.
Das Speicherbewusstsein ist wie ein Raum, in den die Filme der Vergangenheit immer wieder projiziert werden. Dort sind unsere Erinnerungen an Traumata und Leiden aufbewahrt. Im Prinzip wissen wir, dass die Vergangenheit vorbei ist. Doch die Bilder der Vergangenheit sind immer noch da, und von Zeit zu Zeit - sei es in unseren Tr├Ąumen oder im Wachzustand - kehren wir dorthin zur├╝ck und erleben erneut das vergangene Leid.
(....)

(Den vollst├Ąndigen Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift.)